Ein Interview produzieren

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Einführung

In diesem Kapitel kannst Du lernen, wie Du Dich auf ein Interview vorbereitst und wie man es am besten filmt, entweder für einen Beitrag, der nur aus einem Interview besteht oder für Interviews die Teil eines größeren Beitrags sind (z.B. ein Dokumentarfilm).

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Vision in action

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  1. Stelle das nötige Equipment zusammen und kontrolliere nochmal, ob alles da ist und funktioniert, bevor du zum Drehort, für den Du eine Drehgenehmigung hast, fährst.
  2. Gehe alle Fragen vor dem Interview nochmal alleine oder mit einem anderen Teilnehmer des Filmprojekts durch.
  3. Gib dem Interviewpartner am Drehort die Möglichkeit auch einen Blick auf die Fragen zu werfen, sofern er / sie dies wünscht und er / sie sie nicht schon vor dem Interviewtermin erhalten hat.
  4. Suche einen attraktiven Ort für das Interview. Kriterien hierfür sind:
    • gutes Licht (entweder Tageslicht oder künstliches Licht)
    • möglichst wenig Lärm aus der Umgebung
    • ein Ort und charakteristische Objekte, die in Zusammenhang mit dem Interviewpartner oder dem Ereignis, in dessen Rahmen das Interview stattfindet, stehen.
  5. Positioniere Interviewer, Interviewpartner und Kameramann /-frau und Tonmann /-frau anhand folgenden Kriterien:
    • Entscheide ob der Interviewer im Bild zu sehen sein soll oder nicht (Kriterien: Z.B. ist der Interviewer als Protagonist im Film wichtig? Soll der Dokumentarfilm so realisiert werden, dass nur die Interviewten die Filmgeschichte erzählen?)
    • Steht der Interviewer links von der Kamera, so bedeutet das, dass der Interviewpartner sich aus seiner Sicht leicht nach rechts zum Interviewer hindrehen muss und im Bild der Kamera rechts zu sehen ist (Goldenen Schnitt beachten!). Genau umgekehrt verhält es sich, wenn der Interviewer rechts von der Kamera steht.
    • Positioniere die Kamera auf Augenhöhe mit dem Interviewpartner.
  6. Mache den Interviewpartner vor dem Interview nochmals auf die wichtigsten Regeln aufmerksam:
    • Nicht in die Kamera, sondern in die Augen des Interviewers schauen.
    • In ganzen Sätzen antworten.
    • Die Frage in die Antwort integrieren, sofern die Fragen des Interviewers im Schnitt herausgeschnitten werden sollen.
  7. Höre dem Interviewpartner aufmerksam zu. Weise ihn darauf hin, wenn er sich nicht an die Regeln hält und hake nach, wenn er die Fragen nicht in der Art und Weise beantwortet hat, wie du es dir vorstellst. Oftmals hilft schon die Frage „Warum?“.
  8. Wechsle ab und zu die Einstellungsgrößen während des Interviews. Du kannst z.B. immer nach drei Fragen eine Pause machen und die Einstellungsgröße wechseln. Mache auf Detailaufnahmen von Händen. (Wenn du nur mit einer Kamera filmst, kann man solche Detailaufnahmen beispielsweise noch nach dem eigentlichen Interview drehen und Interviewer und Interviewpartner bitten, sich noch weiter über alltägliche Themen zu unterhalten.)
  9. Versichere Dich spätestens nach dem Interview schriftlich über die Veröffentlichungsrechte der Aufnahmen (Sowohl in Bezug auf den Interviewpartner als auch den Drehort).
  10. Denke daran, auch Aufnahmen für die Hinführung zum Drehort und für die Veranschaulichung dessen, was der Interviewpartner gesagt hat, zu machen.
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Equipment und Hilfsmittel

Kamera

Ein Interview kann man prinzipiell mit jeder Kamera machen. Um ein ruhiges Bild zu erhalten sollte man ein Stativ benutzen. Der Kameramann / die Kamerafrau sollte sich der Linsencharakteristik der Kamera bewußt sein, um am Drehort abschätzen zu können, wie groß der Abstand zwischen Kamera und Interviewtem und ggf. auch dem Interviewer mindestens und höchstens sein kann. Nur so kann sichergestellt werden, dass man ein gutes Bild in verschiedenen Einstellungsgrößen aufnehmen kann.

Du kannst Dich in den Kapiteln Grundlagen der Arbeit mit der Kamera und Weiterführende Kenntnisse für die Arbeit mit der Kamera über geeignete Einstellungsgrößen und Objektivarten für ein Interview informieren.

Licht

Abhängig vom verfügbaren Licht am Drehort kann zusätzliche Beleuchtung (Lampen auf Stativ oder Kopflicht an der Kamera) nötig sein. Kennt man die Lichtverhältnisse am Drehort nicht, empfiehlt es sich immer Equipment für die Ausleuchtung dabei zu haben.

Du kannst Dich im Kapitel Grundlagen der Beleuchtung über verschiedene Möglichkeiten der Ausleuchtung informieren.

Tonequipment 

Für die Aufnahme des Tones gibt es verschiedene Möglichkeiten in Abhängigkeit von der Interviewsitutation und dem vorhandenen Equipment.

Für ein Interview ist natürlich immer ein ruhiger Ort von Vorteil. Soll aber auch die Atmosphäre des Ortes, an dem das Interview stattfindet, eingefangen werden, so ist nicht nur das Gesprochene wichtig, sondern auch die Geräusche aus der Umgebung. Interviewt man z.B. einen Bäcker bei der Arbeit, so könnte es interessant sein auch die Geräusche aus der Backstube zu hören.

In jedem Fall sollte aber bei jeder Interviewsituation darauf geachtet werden, dass der Interviewton klar und deutlich zu hören ist. Neben der Wahl des richtigen Ortes ist hierfür die Wahl des Tonequipments von entscheidender Bedeutung. Am besten sind Ansteckmikros, aber man kann auch mit einem Richtmikrofon aus der Hand oder mit der Angel arbeiten. Wichtig ist es, dass sich das Mikrofon möglichst nahe an den Mund (ca. 10 bis 15 cm) des Interviewten befindet, in Richtung des Mundes zeigt und nicht am Gesicht oder z.B. an einem Schal reibt. Schaut der Interviewte beispielsweise nach Links sollte sich das Mikrofon auch am linken Revert des Interviewten befinden. 

Im Kapitel Ton, Musik und Soundeffekte kannst Du Dich detaillierter über die verschieden Möglichkeiten der Aufnahme und Bearbeitung von Ton informieren.

Hauptteil

Ein Interview benötigt normalerweise eine gute Vorbereitung. Es kann in Form eines Beitrags für sich stehen oder Teil eines übergeordneten Beitrags sein.
Ist das Interview nur ein Teil eines Beitrags (z.B. eines Dokumentarfilms), sollte man sich überlegen, welche Funktion das Interview innerhalb dieses Beitrags erfüllen sollte.

Generell sollte man sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen: 

  • Welche Informationen (Bild und Ton) soll das Interview vermitteln? 
  • Soll eine einzelne Person interviewt werden oder mehrere gleichzeitig, weil diese z.B. in einer besonderen Beziehung zueinander stehen?
  • Will man als dramaturgisches Element bewusst emotionale Reaktionen beim Interviewten hervorrufen und wenn ja, wie? 
  • Welche Aussagen will man im O-Ton vom Interviewten haben, welche sind ggf. für einen Sprechertext als Off-Ton wichtig? 
  • Was ist die zentrale Frage des Interviews (und inwiefern steht sie im Zusammenhang mit dem übergeordneten Beitrag)? 
  • Welche Aussagen werden erwartet (und wie fügen diese sich in einen übergeordneten Beitrag ein)? 

Inhaltliche Vorbereitung 

Eine gute Orientierung für die Erstellung eines Interviews geben, gerade bei Ereignissen, über die berichtet werden soll, bieten die sechs W-Fragen: 

  • Was geschah?
  • Wer ist beteiligt?
  • Wo geschah es?
  • Wann geschah es?
  • Wie geschah es?
  • Warum geschah es?

Es ist wichtig sich im Vorfeld ausführlich über den Interviewpartner informiert zu haben und falls möglich andere Interviews mit der Person gelesen / gesehen / gehört zu haben.
Auf diese Weise hat man einerseits die Möglichkeit Fragen nicht mehr stellen zu müssen bzw. kann den Interviewpartner die vorab recherchierten Informationen einfach nochmal bestätigen bzw. kommentieren lassen. Außerdem kann man auf diese Weise auch Fragen vermeiden, die der Interviewpartner häufig beantworten muss, und auf die er gegebenenfalls schon gereizt reagiert.

Gut ist es am Anfang eines Interviews erstmal Fragen zu stellen, die nicht so schwierig und wichtig sind (z.B. “Bitte stellen Sie sich kurz vor!”). So kann sich der Interviewte schon etwas “warm reden” bevor es um die wichtigeren Fragen geht. 

Keine Zeit für die Vorbereitung? Keine Panik! 

Manchmal muss es schnell gehen und man hat keine Zeit ausführlich zu recherchieren. Aber auch dann gilt es die gleichen 6 W – Fragen zu stellen, auf die man sich auch mit nur wenig Zeit konzentrieren kann.
Das gute an Interviews ist, dass man die Möglichkeit hat alle nötigen Informationen zu erfragen. Selbst also wenn man überhaupt nicht weiß, wer da genau vor einem steht, kann man ihn oder sie das einfach fragen und kommt so an die nötigen Informationen. Wichtig ist vor allem, dass man sich im Vorfeld eine zentrale Fragestellung überlegt.

Konzeption und Aufbau des typischen Interviewsettings 

Zunächst sollte man festlegen, ob nur der Interviewte oder auch der Interviewer gefilmt werden sollen. Hiervon ist abhängig wo eine oder gegebenenfalls mehrere Kameras positioniert werden sollten.
Wie immer muss natürlich auf die Beleuchtung geachtet werden. Bei Interviews ist es insbesondere wichtig, dass das Gesicht bzw. die Gesichter gut ausgeleuchtet sind.
Vor dem Interview sollte auch schon klar sein, welche Kameraperspektiven und Einstellungsgrößen während des Interviews gewünscht sind (Dies wird bei aufwendigeren Produktionen in einem Drehbuch oder Storyboard festgelegt). 

Falls nur der Interviewte gefilmt werden soll, positioniert man den Interviewten vor der Kamera und dann den Interviewer links oder rechts neben der Kamera, so dass diese im Blickkontakt stehen.

Draufsicht: Position der Kamera, des Mikrofons, des Interviewers und des Interviewten

Der Interviewte sollte nicht zu sehr aus dem Profil gefilmt werden. Es sollten am besten immer beide Augen des Interviewten zu sehen sein!

Sehr wichtig ist es auch, alle sichtbaren Objekte und Personen im Bild und vor allem im Bildhintergrund zu beachten. Z.B. sollten (falls nicht bewußt gewünscht) keine unschönen Dinge (z.B. Mülleimer) oder andere Personen , die vom Interview ablenken (Mann, der eine Bratwurst ist) im Bild zu sehen sein.
Häufig passiert es auch, dass sich eine Vertikale (z.B. eine Straßenlampe oder die Kante einer Wand) im Hintergrund befindet und es dann bei der Aufnahme so aussieht, als ob diese aus dem Kopf des/der Interviewten herausragt.

Bei vielen Interviews bietet es sich an, auch Personen in ihrem Umfeld zu interviewen, die charakteristisch für ihre Person oder Tätigkeit sind oder die im Kontext zum Inhalt des Beitrags stehen. Außerdem kann man mit charakteristischen Requisiten arbeiten (z.B. Stetoskop bei einem Arzt). Man sollte sich dann aber bewußt sein, dass das sehr verbreitet ist und vielleicht ist es interessanter mit solchen weit verbreiteten Darstellungsweisen zu brechen.

Wichtig ist auch, dass der oder die Kameramänner bzw. -frauen vor und / oder nach dem Interview Aufnahmen am Drehort machen, die inhaltlich mit dem Interviewtem und dem was er sagt in Verbindung stehen. Diese Aufnahmen können später beim Schnitt eingebaut werden (sog. Schnittbilder), wodurch der fertige Interviewfilm abwechslungsreicher wird.

[Illustration Aufbau Interviewsetting und/oder Foto]

Einstellungsgrößen für Interviews

Bei einem Interview können prinzipiell alle typischen Einstellungsgrößen verwendet werden. Eine Totale am Anfang des Interviews ist z.B. gut um die gesamte Interviewsituation und den Drehort zu veranschaulichen. Eine Halbtotale mit Oberkörper und Gesicht fängt die wesentlichen Bildinformationen, Mimik, Gestik und Körpersprache deutlicher als die Totale ein. Detailaufnahmen vom Gesicht oder auch von den Händen ermöglichen es die Emotionen des Interviewten noch deutlicher einzufangen.

Sollte der Interviewer und / oder Kamerateam zu sehen sein oder nicht?

Vor dem Interview sollte feststehen, ob nur der Interviewte oder auch der Interviewer oder sogar das gesamte Kamerateam zu sehen sind oder nicht. Dies hängt von mehreren Überlegungen ab:

Sieht man zumindest ab und zu mal den Interviewer oder das gesamte Kamerateam, wird der Produktionsprozess für den Zuschauer transparenter. Der Zuschauer kann auf diese Weise eine reflexive Position zum Produktionsprozess einnehmen und wird sich der subjektiven Sichtweise auf das Gezeigte besser bewusst.

Gerade bei Projekten mit Kindern und Jugendlichen kann es wichtig sein, dass auch alle am Produktionsprozess beteiligten im Film sichtbar werden. Dies ermöglicht es ihnen bei einer Vorführung auch, den Zuschauern stolz zu zeigen, dass sie an der Produktion beteiligt waren.

Ob man den Interviewer während des Interviews sehen kann oder nicht, ist auch davon abhängig, welche Rolle er im Beitrag spielt. Ist er oder sie lediglich der- bzw. diejenige, der / die Informationen sammelt und dessen / deren Persönlichkeit und Meinung im Beitrag keine Rolle spielen, so muss man den Interviewer nicht zeigen.

Ist der Interviewer jedoch, wie es z.B. bei einer Reportage möglich ist, der rote Faden des gesamten Beitrags, der verschiedene Orte aufsucht, Menschen interviewt und auch sein eigenen Gedanken mitteilt, so sollte er regelmäßig zu sehen sein und kann auch als Erzähler aus dem Off auftreten.

Bei einem Dokumentarfilm ist beides möglich, je nachdem welche Bedeutung man dem Interviewer gibt.
Bei manchen Dokumentarfilmen ist der Interviewer weder im On (oder sogar im Off) zu hören noch zu sehen. Auf diese Weise wird der Inhalt des Film komplett von den Interviewten selbst und den Filmaufnahmen erzählt, was den Zuschauern ein tieferes Eintauchen in die Handlung vergleichbar mit einem Spielfilm ermöglicht.

Interview mit einer Kamera

Wird mit nur einer Kamera gefilmt, ist die Verantwortung für den Kameramann/die Kamerafrau besonders hoch, da er oder sie sich keine Fehler im Bild- bzw. Tonmaterial erlauben kann. Außerdem muss dann ein einzelner Kameramann bzw. eine einzelne Kamerafrau für abwechslungsreiche Perspektiven und Einstellungsgrößen sorgen. Hierfür ist es notwendig, dass der Drehbuchautor oder der Kameramann bzw. die Kamerafrau sich schon im Vorfeld überlegt, welche Perspektiven und Einstellungsgrößen gewählt werden sollten.

Für die Gestaltung von Anfang und Ende eines Interviews eignen sich z.B. Schwenks. Beispielsweise von einem Blick aus dem Fenster auf die Interviewsituation während man den Ton des Interviews schon hört. Oder von einer Turmspitze von oben nach unten auf die Interviewsituation. Mit einem Schwenk von der Interviewsituation auf ein Objekt oder den Blick der Kamera auf eine Perspektive außerhalb der Interviewsitutation kann man das Interview beenden. 

Da Schwenks nicht immer einfach zu bewerkstelligen sind und gerade bei der Aufnahme mit einer Kamera das Material des eigentlichen Interviews in guter Qualität vorhanden sein muss, kann man nach dem Interview den Interviewer und den Interviewten noch weitersprechen lassen, z.B. über das Wetter. Setzt man später im Schnitt an der richtigen Stelle eine weiche Blende zwischen gefilmtem Schwenk und eigentlichem Interview, so wird die Asynchronität der Lippenbewegungen zwischen Original-Interviewton und Schwenk nicht sichtbar.

Ein kurzes Gespräch nach dem Interview ermöglicht es auch z.B. Detailaufnahmen von den Händen zu machen, die später an passender Stelle in das Interview reingeschnitten werden können. 

Außerdem sollten sich Kameramann bzw. Kamerafrau und Interviewer, falls notwendig, absprechen, damit das Interview für den Wechsel der Perspektiven bzw. Einstellungsgrößen unterbrochen werden kann. So kann man Zoomfahrten und Bildwackler, die durch das Verändern der Perspektive bzw. der Einstellungsgröße entstehen vermeiden.
Kameramann bzw. Kamerafrau können sich beispielsweise mit dem Interviewer und dem Interviewten darauf einigen, dass nach jeweils fünf Fragen oder nach inhaltlich getrennten Abschnitten eine Pause gemacht wird, um einen Wechsel der Einstellungsgröße bzw. Perspektive vorzunehmen.

Werden die Fragen vor dem Interview entgegen der inhaltlichen Logik durchmischt, hat der Cutter die Möglichkeit die Fragen wieder in die richtige inhaltliche Reihenfolge zu bringen und so im Schnitt mehr Wechsel der Einstellungsgrößen und Perspektiven zu erhalten als realerweise bei der Aufnahme vorgenommen wurden. Hier ist aber Vorsichtig geboten, wenn die Fragen aufeinander aufbauen!

Interview mit mehreren Kameras

Filmt man mit mehreren Kameras so können sich die Kameramänner bzw. -frauen die jeweiligen Einstellungsgrößen in Bezug auf den Interviewten aufteilen oder, falls gewünscht, kann eine Kamera Interviewer und Interviewten filmen und die zweite filmt im Wechsel den Interviewer und den Interviewten einzeln in verschiedenen Einstellungsgrößen.
Möglich ist auch die typische Schuss- und Gegenschuss Perspektive mit zwei Kameras, d.h. jede Kamera filmt einen Interviewpartner so, dass sich dabei die Sichtachsen der Kameras überkreuzen.

Interview mit drei Kameras und verschiedenen Perspektiven und Einstellungsgrößen (Totale von oben, Halbtotale mit beiden Interviewpartnern, Halbtotale und Nahaufnahmen von den einzelnen Interviewpartnern nach dem Schuss-Gegenschuss-Prinzip).

Zu beachten ist wie immer, dass kein Achsensprung einer Kamera über die Handlungsachse (Blickachse Interviewer – Interviewter) erfolgen sollte. Man kann mehrere Kameras auf ein Stativ stellen, aber auch z.B. eine Kamera mobil filmen lassen, je nach gewünschtem Material. Eine mobile Kamera bringt mehr Dynamik ins Bild und ist z.B. bei jugendlichen Formaten üblich. Hier bieten sich auch schnelle manuelle Zooms als Stilmittel an. 

Verhalten des Interviewers während des Interviews

Während des Interview ist es wichtig, dass der Interviewer dem Interviewpartner konzentriert zuhört. Nur dann kann der Interviewer, falls notwendig, eine Frage nochmals anders formulieren, wenn der Interviewte nicht wirklich auf die Frage eingegeht oder zu sehr abschweift.
Ein aufmerksamer Interviewer sucht regelmäßig den Augenkontakt zum Interviewten und gibt ihm Gefühl, dass ihm zugehört wird und dass er nicht nur vor einer Kamera spricht.
Außerdem ist es wichtig klar und deutlich zu sprechen, damit der Interviewte den Interviewer gut versteht und ggf. auch der O-Ton des Interviewers verwendet werden kann, wenn die Frage des Interviewers durch die Antwort des Interviewten nicht klar wird.

Der Interviewer sollte daran denken, dass sein Gesichtsausdruck den Gesichtsausdruck des Interviewten im Positiven wie im Negativen beeinflusst! Wer lächelt erhält auch oft ein Lächeln zurück!

Grundsätzlich sollte man bei Interviews nur sog. offene Fragen stellen, so dass die Antworten immer in Sätzen erfolgen müssen und nicht nur aus einzelnen Worten bestehen.

Geschlossene Frage: „Gefällt Ihnen die Stadt?“ kann einfach mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden und man erhält kaum Informationen.

Offene Frage: „Warum gefällt Ihnen die Stadt?“. Hier muss der Interviewte automatisch auch Gründe anführen und in ganzen Sätzen antworten.

Zusätzlich sollte man den Interviewten auch darauf hinweisen, dass er immer ganzen Sätzen sprechen soll und den Inhalt der Frage nochmal in der Antwort aufgreift. Hier ein Beispiel:

Frage des Interviewers: “Was passiert heute am Tag der offenen Tür?”

Antwort des Interviewten mit eingebauter Frage: “Heute, am Tag der offenen Tür, haben die Besucher die Möglichkeit in alle Fachbereiche der Universität hineinzuschauen.”

So hat man im Schnitt später die Möglichkeit die Fragen des Interviewers herauszuschneiden und nur die Antworten des Interviewten aneinanderzureihen.

Zusammenfassung der typischen Arbeitsschritte für die Produktion eines Interviews

  1. Interviewpartner kontaktieren. Termin vereinbaren. Organisatorisches für den Drehtag klären (Personal, Parkplatz, Wetter etc.)
  2. Stelle sicher, dass du eine Drehgenehmigung für den Drehort bekommst.
  3. Recherchieren und Fragen vorbereiten: Orientierung an den sechs W-Fragen in Bezug auf ein Ereignis und / oder spezielle Fragen zu einem Thema überlegen. Außerdem wichtig: Wie kann die Hinführung zum Interviewort /-thema filmisch realisiert werden? Welche Schnittbilder werden benötigt?
  4. Wenn gewünscht, die Fragen ein paar Tage vor dem Interview dem Interviewten aushändigen oder direkt vor dem Interview mit ihm darüber sprechen.
  5. Spätestens ein Tag vor dem Interview nochmal den Interviewten kontaktieren, um die Aufnahme sicherzustellen und ihm auch ein Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln.
  6. Equipment vorbereiten: Wie viele und welche Art von Kameras, Stativen, Beleuchtung, Mikrofonen?
    • Typisches stationäres Interviewsetting: Interviewter steht oder sitzt. Mindestens eine Kamera auf Stativ, Ausleuchtung mit vorhandenem Tageslicht oder Kunstlicht und / oder ein bis vier Lampen (siehe Kapitel Grundlagen der Beleuchtung), Ansteckmikro für Interviewten, Ansteckmikro oder Handmikro für Interviewer
    • Typisches Umfragesetting bei dem alle Beteiligten stehen. Eine mobile Kamera (z.B. auf Schulter), Ausleuchtung mit vorhandenem Tageslicht oder Kunstlicht und / oder Kopfleuchte
  7. Guten Ort für das Interview wählen. Folgende Aspekte beachten: schöner Ort, vorhandenes / benötigtes Licht, sichtbare Bezüge zum Interviewten / zum Thema im aufzunehmenden Bild.
  8. Interviewsetting einrichten. Positionierung von Interviewtem, Interviewer, Kameramann /-frau, (Tonmann /-frau), Requisiten.
  9. Bei einem Kameramann / einer Kamerafrau: Einigung auf Zeitpunkte in Interview, wenn die Einstellungsgrößen gewechselt werden können um Zoomen und Wackler zu vermeiden.
  10. Bei mehreren Kameraleuten: Einigung darauf, wer was filmt (z.B. Kamera 1: Totale, Halbtotale und Amerikanische; Kamera 2: Nahaufnahmen)
  11. Einigung auf eine Person, die den Moment der Aufnahme festlegt (“Läuft!”) und ggf. auch die Aufnahme unterbricht.
  12. Nachdem der Interviewer sich vorgestellt hat und erklärt hat wofür die Aufnahmen sind und wo Sie veröffentlicht werden weist er die zu Befragenden vor jedem Interview auf Folgendes hin…
  • …dass er / sie nicht in die Kamera sondern auf den Fragensteller schauen soll. Dabei hilft es die Fragen z.B. auch auf einem Klemmbrett ziemlich hoch zu halten, damit man nicht immer wieder nach unten schauen muss.
  • …dass er in ganzen Sätzen antworten soll (nicht z.B. nur „Ja“ oder „Nein“).
  • Sollte einmal doch nur mit “ja” “nein” geantwortet werden, bietet sich die Frage “warum” an, da der Interviewte dann gezwungen ist, zumindestens einen Aspekt zu benennen.
  • … dass er die Fragen in die Antwort integrieren  sollte (z.B. bei der Frage „Warum nehmen Sie an dem Projekt XYZ teil?“ könnte die Antwort lauten „Ich nehme an dem Projekt Mediapolis teil, weil…“).
  1. Während des Interviews darauf achten, ob der / die Befragte diese drei Hinweise einhält und gegebenenfalls ihn / sie nochmals darauf hinweisen.
  2. Bevor man mit den eigentlichen Fragen beginnt, sollte man ein paar Aufwärmfragen stellen (z.B. “Wie war Ihre Anreise?”), damit Interviewer und Interviewter auch darauf achten, was gesagt wird und ob der / die Befragte wirklich auf die Frage antwortet. Gegebenenfalls nochmal nachhaken oder auch Zusatzfragen stellen.
  3. Spätestens nach dem Interview den Befragten die Einverständniserklärung für die Veröffentlichung des Materials unterzeichnen lassen. Falls der Befragte vor der Veröffentlichung den fertigen Schnitt sehen will, so sollte ihm das zugesichert  werden und er muss die Einverständniserklärung nicht direkt nach der Aufnahme unterzeichnen!
  4. Aufnahme der Hinführung zum Interviewort  bzw. -thema und von Schnittbildern nicht vergessen!

Die Umfrage – eine Sonderform des Interviews 

In Bezug auf den grundlegenden Aufbau gelten bei einer Umfrage die gleichen Grundregeln wie bei einem herkömmlichen Interview: Der Interviewte steht vor der Kamera und blickt auf den Interviewer, der links oder rechts neben der Kamera steht.
Die Passanten werden im Goldenen Schnitt links oder rechts im Bild positioniert.
Ein Wechsel der Befragten zwischen links und rechts im Bild und ein Wechsel der Einstellungsgrößen macht die Umfrage interessanter.

Um mobil zu sein, werden Umfragen oft mit der Schulter- oder Handkamera gefilmt. Auch hier kann der Kameramann bzw. die Kamerafrau verschiedene Perspektiven und Einstellungsgrößen wählen. Als Lichtquelle kann man das Tageslicht oder auch das verfügbare Kunstlicht nutzen. Mit einer sog. Kopfleuchte kann man das Gesicht der Interviewten ausleuchten. 

Beispiel für eine Umfrage mit zwei mobilen Kameras

Da gerade bei Umfragen oftmals wenig Zeit bleibt, um eine Einverständniserklärung für die Veröffentlichung des Filmbeitrags auszufüllen, bietet es sich an, das Einverständnis als erste oder letzte Frage („Dürfen diese Aufnahmen im Internet, im Fernsehen etc. veröffentlicht werden?“) in die Befragung einzubauen und so das Einverständnis zumindest in der Aufnahme für einen späteren Nachweis festzuhalten.

Schnitt des Interviews

Bereits vor dem Schnitt (am besten schon vor dem Dreh) sollte festgelegt werden, wie lange das Interview ungefähr werden soll.  Dann erst wird das Interviewmaterial und die aufgenommen Schnittbilder gesichtet und ggf. geordnet.
Als Orientierung für das Schneiden des Interviews kann der Cutter die Liste der Fragen des Interviewers nutzen. Durch das Nachhaken und ggf. ergänzende Fragen während des Interviews, muss diese Liste zunächst noch vom Cutter noch ergänzt werden.
Um eine guten Überblick über das Gesagte zu erhalten, sollten die Antworten stichpunktartig zusammengefasst oder falls notwendig komplett verschriftlicht werden.
Anhand der Zusammenfassung bzw. Verschriftlichung kann man dann den Inhalt besser strukturieren und die Aufnahmen kürzen.

Man sollte abwägen, ob man ggf. bestimmte Stellen, die zwar inhaltlich weniger relevant sind, aber z.B. eine besonders emotionale Wirkung haben, trotzdem im Film belässt.

Hat der Interviewte die Fragen in die Antworten gut integriert, bietet es sich an den O-Ton des Interviewers im Schnitt zu entfernen. Dies hat außerdem den Vorteil, dass der Beitrag kürzer wird. Manchmal sind auch “unangenehme” Kürzungen unvermeidlich, wenn man das Interview kürzen will.
Ist das Schneiden einer längeren zusammenhängenden Passage unmöglich, so kann man einen Sprechertext einbauen, der mit Schnittbildern und / oder einer Aufnahme des Interviews mit sehr leisem Ton illustriert wird und der den Inhalt einer längeren Passage zusammenfasst.
Um abwechslungsreiches Bildmaterial zu gewährleisten, sollte der Abstand zwischen den Schnitten eher kurz sein. Die Länge hängt aber auch von der gewünschten Ästhetik ab. Mit Schnittbildern kann man den gesprochenen Inhalt des Interviews illustrieren. 

Es besteht unter Filmemachern Uneinigkeit darüber ob es stilistisch wertvoll ist, das Gesprochene direkt zu illustrieren oder ob Bild und Ton nicht zeitgleich dasselbe zeigen sollten. Dies ist auch vom Kontext abhängig.
Porträtieren wir z.B. einen Skateboarder, muss über das Gesprochene nicht erklärt werden, was er gerade macht, wenn er mit Schnittbildern beim Skaten gezeigt wird.
Hat er aber z.B. einen speziellen Trick drauf, den er erklären will, würde die gleichzeitige Filmaufnahme, während er den Trick ausführt, dem Zuschauer helfen diesen Trick besser zu verstehen.

Tonbearbeitung beim Interview

Grundlegend sollten die Stimme des Interviewers und des Interviewten in der Lautstärke ausgeglichen und gut verständlich sein.
Versprecher, zu laute Atemgeräusche (“Atmer”) und “Mmhs” in der Tonspur können im Schnitt entfernt werden.
Schnitte wirken weicher, wenn man den Ton der Person die in der nächsten Einstellung gezeigt werden soll, schon vor dem Schnitt hört.
Werden Interviewer und Interviewpartner gefilmt (Schuss-Gegenschuss), so wird das Interview abwechslungsreicher, wenn man auch einen der beiden zeigt, wenn er dem anderen zuhört.

Übungen 

  1. Schaut Euch im Fernsehen und im Internet verschiedene Interviews an und diskutiert darüber, wie sie produziert (Positionen der Kameras, Kameraperspektiven / Einstellungsgrößen, Ausleuchtung) und gestaltet (Schnitt von Bild und Ton) wurden.
  2. Baut an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Bedingungen ein typisches Interviewsetting auf oder führe eine Umfrage durch (Positionierung von Kameras und Personen, Beleuchtung, Hintergrund / Requisiten).
  3. Spiele ein Interview / eine Umfrage wie unter realen Bedingungen mit Aufnahme von Bild und Ton durch. Der Interviewte sollte sich ab und zu bewusst nicht an die Interviewregeln halten, um zu testen, ob der Interviewer auf die Fehler aufmerksam wird und den Interviewten korrigiert. Außerdem sollten sowohl die Hinführung zum Interviewort als auch passende Schnittbilder gefilmt werden.
  4. Diskutiert über das gefilmte Material aus. Kriterien: filmgestalterische Aspekte (z.B. Einstellungen, Licht), Tonqualität, Inhalt des Interviews, Qualität der Schnittbilder und der Bilder für die Hinführung zum Ort oder Thema.

Häufige Fehler

  • Ein häufiger Fehler ist es, dass das Ansteckmikrofon nicht nah genug am Mund (10 bis 15 cm) ist,  nicht in Richtung des Mundes zeigt oder während des Interviews verrutscht.
  • Häufig wird auch zu wenig Wert auf die Beleuchtung gelegt. Eine gute Ausleuchtung braucht Zeit und Geduld!
  • Gerade bei einer zweiten mobilen Kamera sollten man darauf achten, dass die mobile Kamera sich an das Prinzip des Achsensprungs hält.
  • Häufig passiert es auch, dass der Interviewte zu sehr im Profil gefilmt wird. Darauf achten, dass möglichst immer beide Augen zu sehen sind.
  • Im Schnitt kommt es häufig zu sogenannten Anschlussfehlern, wenn z.B. eine gefilmte Person vor einem Schnitt ein Glas in der linken Hand hält und danach in der rechten. Dies wird vom Zuschauer als unlogisch wahrgenommen, weil er den Wechsel des Glases von einer Hand in die andere nicht sehen konnte.

Verwandte Themen und Links zu externen Quellen

Kameragrundlagen / Erweiterte Kamerakenntnisse Grundlagen der Beleuchtung / Ton, Musik und Soundeffekte

[Beispielformular für Rechte am Bild]

Arbeitsweise mit Jugendlichen

Dieses Kapitel beschreibt die Produktion eines Interviews sehr detailliert. Kinder und Jugendliche können sich sehr schnell von zu viel Theorie überfrachtet fühlen.
Als Pädagoge können Sie auch einen eher handlungsorientierten Ansatz verfolgen und nachdem sie die wichtigsten Grundregeln erklärt haben (Positionierung von Kamera, Interviewer, Interviewten, Nutzung von Tonequipment und Ausleuchtung) gleich mit Interviews oder Umfragen zu Themen, die die Kinder und Jugendlichen interessieren.

Die Kinder und Jugendlichen sollten auch möglichst bald die Möglichkeit bekommen, das gefilmte Material zu sehen. Wenn Sie das gefilmte Material dann anschließend gemeinsam anschauen, können Sie noch weiter Verbesserungsvorschläge machen und so während eines Projektverlaufs Schritt für Schritt die Qualität der Beiträge steigern.

Fachausdrücke

O-Ton, Off-Ton, On und Off, die 6 W-Fragen, Einverständniserklärung, Schnittbilder, Linsencharakteristik, Einstellungsgrößen, Ansteckmikrofon, Richtmikrofon, Asynchronität, Achsensprung, Schulterkamera, Handkamera, Goldener Schnitt, Kopfleuchte, Cutter, Schuss-Gegenschuss, Anschlussfehler